Verstrickungen

Bleistift, Buntstift, Kugelschreiber auf Papier, 50x65cm, 1995
Foto: Juliane Laitzsch
Der Garten ist, laut Lexikon, ein Stück Land, das durch eine
Mauer, Zaun oder Hecke begrenzt wird.
Ausstellung im Bundesministerium für Wirtschaft und
Technik 2002
Eröffnungsrede (Auszüge) von Inge Mahn
„Verstrickungen” ist der Titel dieser Ausstellung, (...) „Wer ins Muster passt hat Zugang”, sagt sie dazu. Ein Schlüssel muss, um schließen zu können, dem Schloss entsprechen. Ein bestimmter Code vermittelt Zugang zu den Räumen und übermittelt Botschaften. Dabei ist es gleich, ob ein System meine Daten gespeichert hat und ich mich ausweisen muss, oder ob ich mich durch eine Kennzahl darin einfinde. „Wer ins Muster passt hat Zugang”, wer sich dem Muster angleicht ist Teil desselben. Wer ins Muster past ist drin, wer sich dem Muster ergibt gehört dazu, nimmt Teil, ist Teil, Teilnehmer und Teilhaber in einem.
Verstrickungen entstehen durch Verbindungen: Im wahrsten Sinne des Wortes mit Binden, Banden oder Stricken durch Fesseln, Inhaftierung, Festnahme oder Beschlagnahme, aber auch durch Verpflichtungen, Bündnisse und Zugehörigkeiten. Immer bedeuten sie Gebundensein, Verwicklungen und Verwirrungen.
Verstrickung setzt sich folgendermaßen zusammen: Aus einem Strick, einer Schnur oder einem Faden, den man als eine Linie, eine Gerade, eine Richtung bezeichnen kann. Aus Strickung, einem Vorgang, der schließt, schlingt und fasst, ein- und um- und zusammenfasst, der Verbindungen und Verknüpfungen zu Bündnissen und Verträgen herstellt. Aus der Vorsilbe „Ver”, die keine eigene Bedeutung gibt. In diesem Fall macht sie aus dem Vorgang einen Zustand. Verstrickungen sind nur von Innen her begreifbar, für den, der sie erlebt und für den, der zu Stricken versteht, der das Muster beherrscht, die Ordnung, in die ich mich begebe oder in der ich mich befinde oder die ich herstelle. (...)
Ich verstricke mich wenn ich der Ordnung nicht gehorche, dem Muster widerspreche, das Raster ignoriere, das System vernachlässige oder ich im Eigensinn stecken bleibe.
Michael Kohlhaas, ein braver, unbescholtener Bürger, wurde dadurch, trotz persönlichem Rechtsgefühl und Ordnungssinn, zum Mörder und Brandstifter. Medea brachte aus ähnlichen Gründen ihre Kinder um. Antigone verstrickte sich in den Widerspruch von Staats- und Religionsrecht- und Pflicht. Der Affe in Kafkas Bericht für die Akademie war verstrickt in sein Affentum. Der Mensch ist nach Auskunft der Bibel verstrickt in die Sünde. Tod, Krankheit und andere Unbill werden mit Stricken und Fesseln verglichen. Widersacher sind und bilden Banden, die das System, das einzig wahre, das der Wahrheit dient, durcheinander bringen wollen, früher und heute immer noch. (...)
Verstrickungen haben tragischen Charakter, wenn die Helden oder Heldinnen sich in ihre Bindungen und Verträge verlieren: Die Nibelungen gingen, ausgelöscht durch Kriemhilds Rache, unter. Antigone musste sterben und auch Kohlhaas fand ein trauriges Ende. Die Bibel verspricht Erlösung durch glauben. Das Märchen entkräftet Zauber durch Gegenzauber. Nietzsche sieht die Liebe zum Schicksal als Ausweg. Kafkas Affe entschließt sich Mensch zu werden, in Wirklichkeit gleichzeitig Mensch und Affe zu sein.
In Juliane Laitzschs Arbeit ist weder Tragik noch Schicksalsergebenheit oder Liebe zum Schicksal zu finden. Sie setzt, und das nicht erst mit dieser Arbeit, unterschiedliche Muster zueinander. Unterschiedliche Ordnungsprinzipien, die sich aber nicht widersprechen, oder konkurrieren, sondern miteinander funktionieren und dadurch Leben gewinnen. Sie bringt unterschiedliche Kräfte zusammen, die im Spannungsverhältnis zueinander stehen, das heißt aber nicht das eine Kraft geringer ist als die andere und das heißt auch nicht, dass das Spannungsverhältnis ein Wettstreit ist. Wir sind gewohnt in Hierarchien zu denken, aber dem (Wertesystem) widerspricht Juliane Laitzsch durch einfache Formulierungen.
Eröffnungsrede (Auszüge) von Inge Mahn
„Verstrickungen” ist der Titel dieser Ausstellung, (...) „Wer ins Muster passt hat Zugang”, sagt sie dazu. Ein Schlüssel muss, um schließen zu können, dem Schloss entsprechen. Ein bestimmter Code vermittelt Zugang zu den Räumen und übermittelt Botschaften. Dabei ist es gleich, ob ein System meine Daten gespeichert hat und ich mich ausweisen muss, oder ob ich mich durch eine Kennzahl darin einfinde. „Wer ins Muster passt hat Zugang”, wer sich dem Muster angleicht ist Teil desselben. Wer ins Muster past ist drin, wer sich dem Muster ergibt gehört dazu, nimmt Teil, ist Teil, Teilnehmer und Teilhaber in einem.
Verstrickungen entstehen durch Verbindungen: Im wahrsten Sinne des Wortes mit Binden, Banden oder Stricken durch Fesseln, Inhaftierung, Festnahme oder Beschlagnahme, aber auch durch Verpflichtungen, Bündnisse und Zugehörigkeiten. Immer bedeuten sie Gebundensein, Verwicklungen und Verwirrungen.
Verstrickung setzt sich folgendermaßen zusammen: Aus einem Strick, einer Schnur oder einem Faden, den man als eine Linie, eine Gerade, eine Richtung bezeichnen kann. Aus Strickung, einem Vorgang, der schließt, schlingt und fasst, ein- und um- und zusammenfasst, der Verbindungen und Verknüpfungen zu Bündnissen und Verträgen herstellt. Aus der Vorsilbe „Ver”, die keine eigene Bedeutung gibt. In diesem Fall macht sie aus dem Vorgang einen Zustand. Verstrickungen sind nur von Innen her begreifbar, für den, der sie erlebt und für den, der zu Stricken versteht, der das Muster beherrscht, die Ordnung, in die ich mich begebe oder in der ich mich befinde oder die ich herstelle. (...)
Ich verstricke mich wenn ich der Ordnung nicht gehorche, dem Muster widerspreche, das Raster ignoriere, das System vernachlässige oder ich im Eigensinn stecken bleibe.
Michael Kohlhaas, ein braver, unbescholtener Bürger, wurde dadurch, trotz persönlichem Rechtsgefühl und Ordnungssinn, zum Mörder und Brandstifter. Medea brachte aus ähnlichen Gründen ihre Kinder um. Antigone verstrickte sich in den Widerspruch von Staats- und Religionsrecht- und Pflicht. Der Affe in Kafkas Bericht für die Akademie war verstrickt in sein Affentum. Der Mensch ist nach Auskunft der Bibel verstrickt in die Sünde. Tod, Krankheit und andere Unbill werden mit Stricken und Fesseln verglichen. Widersacher sind und bilden Banden, die das System, das einzig wahre, das der Wahrheit dient, durcheinander bringen wollen, früher und heute immer noch. (...)
Verstrickungen haben tragischen Charakter, wenn die Helden oder Heldinnen sich in ihre Bindungen und Verträge verlieren: Die Nibelungen gingen, ausgelöscht durch Kriemhilds Rache, unter. Antigone musste sterben und auch Kohlhaas fand ein trauriges Ende. Die Bibel verspricht Erlösung durch glauben. Das Märchen entkräftet Zauber durch Gegenzauber. Nietzsche sieht die Liebe zum Schicksal als Ausweg. Kafkas Affe entschließt sich Mensch zu werden, in Wirklichkeit gleichzeitig Mensch und Affe zu sein.
In Juliane Laitzschs Arbeit ist weder Tragik noch Schicksalsergebenheit oder Liebe zum Schicksal zu finden. Sie setzt, und das nicht erst mit dieser Arbeit, unterschiedliche Muster zueinander. Unterschiedliche Ordnungsprinzipien, die sich aber nicht widersprechen, oder konkurrieren, sondern miteinander funktionieren und dadurch Leben gewinnen. Sie bringt unterschiedliche Kräfte zusammen, die im Spannungsverhältnis zueinander stehen, das heißt aber nicht das eine Kraft geringer ist als die andere und das heißt auch nicht, dass das Spannungsverhältnis ein Wettstreit ist. Wir sind gewohnt in Hierarchien zu denken, aber dem (Wertesystem) widerspricht Juliane Laitzsch durch einfache Formulierungen.

Juliane Laitzsch | Berlin | mail@ juliane-laitzsch • de








Text zur Arbeit