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Linie Fläche Raum 2
orientieren, 2009
Tusche Acryl auf Papier, 70cm x 100cm
Muster: Vorderer Orient, 14. Jahrhundert
Zwischen arabesken Ranken
Polygone mit Greifen am Brunnen + Strassenplan

Text von Birgit Effinger (Kunstwissenschaftlerin, Berlin) zur Ausstellung in der Galerie Wolkenbank, 2010

Wenn Juliane Laitzsch ihre Ausstellung ‚rundherum’ nennt, so wählt sie einen mehrdeutigen Begriff. ‚Rundherum’ kann einen Zustand der absoluten Vollkommenheit und ebenso eine räumlichen Konstellation andeuten.

In den Arbeiten von Juliane Laitzsch manifestiert sich Vieldeutigkeit als Leitgedanke künstlerischer Gestaltung. Laitzschs Arbeiten beschäftigen sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Fläche und Raum; sie halten das Verhältnis zwischen konkretem Ansatz und Illusion in der Schwebe, erkunden die Beziehungen zwischen der künstlerischen Arbeit und ihrem Umfeld.

Grundbaustein von Juliane Laitzschs Zeichnungen sind die Muster mittelalterlicher Seidenstoffe. Der serielle Rapport der wiederkehrenden Sterne und Kreise ist Ausgangspunkt für weitere Ebenen von Mustern und Markierungen: Die serielle Ornamentstruktur wird etwa durch vibrierende, kleine weiße Punkte aufgelöst, die sich einem Sternenhimmel gleich auf dem Rapport ausbreiten; eingearbeitete Linienwucherungen und zarte, nebelartige Partien sorgen für zusätzliche wechselnde Form und Bezugsverhältnisse. Zudem formulieren die ausgeschnittenen Kreise ein weiteres ornamentales System.

Aus abstrakten Linienformationen und dem beständigen Rhythmus des ihnen zugrunde liegenden Rapports bilden sich poröse und gleichwohl kompakte Formationen, die geprägt sind vom Wechselspiel zwischen Vorne und Hinten, zwischen Materie und Leere und schließlich, ganz wesentlich, zwischen Ruhe und Bewegung. Der Ort, den die Zeichnungen vorstellen, ist ein virtueller Ort der Vorstellung, während die Löcher ihrerseits eine kaleidoskopartige Durchsicht auf das konkrete Dahinter erlauben und die gedanklichen Perspektiven durchkreuzen. Das Ge- und Bezeichnete wirkt insofern wie ein Relais zwischen imaginärem und realem Raum. Juliane Laitzschs Zeichnungen entwickeln sich aus sich selbst heraus. Entsprechend des Mediums der Zeichnung nehmen sie ihren Ausgang in der Replikation, Duplikation und Mutation eines fiktiven Bildraumes und verschränken sich von dort unlösbar mit dem realen Raum. Umgekehrt resultieren Laitzschs Gestaltungsprozesse aus der Konstellation räumlicher Verhältnisse, aus der Befindlichkeit der Künstlerin gegenüber einem Ort, seinen Dimensionen, Wegstrecken und Proportionen.
Die Zeichnungen wie auch die räumlichen Objekte erzeugen permanente Ambivalenzen, die sich entladen, indem Imagination, Werk und umgebender Raum immer wieder von einer anderen Ebene aufeinander schauen oder auf diese Ebene fliehen können. Und erst in jenem Zustand der betrachtenden Selbstvergessenheit, der sich von starren Definitionen fernzuhalten sucht, nimmt die Vorstellung eines Möglichkeitsraumes jenseits der klassischen Kategorien innen/außen, vorne/hinten oder wesentlich/unwesentlich Gestalt an.